Mein Weg vom Genossen zum Dissidenten und wieder zurück in Gemeinschaft.

Mit meiner Frau und unseren beiden Kindern zog ich im Herbst 2012 voll Neugier und Träumen an den Tempelhof. Nach nur zwei Jahren war dann die gemeinschaftliche Reise zumindest für mich beendet. Ich kaufte mir ein Schiff und zog wieder auf’s Meer, um dort meinen eigenen Zukunfts-Forschungsraum zu eröffnen. Frau und Kinder blieben weiter am Tempelhof. Ein extrem schmerzhafter Prozess für alle Beteiligten.

Was war geschehen?

Neben meiner Unfähigkeit, persönliche Konflikte mit einigen Menschen fruchtbar zu klären, ist im Rückblick für mich entscheidend, dass es mir damals nicht gelungen ist, eine gesunde Balance zwischen meinen eigenen Impulsen und denen der Gemeinschaft zu finden.

Ich war gekommen, um aktiv in einer Zukunftswerkstatt mit zu forschen.

Aber statt neue Wege in die Zukunft zu erproben, sah vieles in meinen Augen zunehmend nach Rückschritt aus:

Anstatt z.B. das bei unserem Ankommen noch praktizierte solidarische Landwirtschaftsmodell (CSA) weiter auszubauen und auf andere Bereiche der gemeinschaftlichen Finanzierung auszuweiten, entschied sich die Mehrheit für einen Weg, bei dem jede/r zahlt, was er verbraucht. Der Gedanke dahinter: mehr Gerechtigkeit. Mein Schmerz daran: dies Modell zeigt exemplarisch einen Grundirrtum unseres Wirtschaftssystems auf: Ein einheitlicher Preis ist halt nur gerecht, wenn alle das gleiche Geld (bzw. die Möglichkeiten zur Beschaffung desselben) zur Verfügung haben. Real war es am Tempelhof so, dass manche Menschen über ein Drittel ihres Einkommens – und damit auch ihrer Arbeitszeit – für Essen ausgaben, während andere mit nicht mal zwei Prozent dabei waren. Diese Ungleichheit im Einsatz von Geld und Lebenszeit verschob auch die Möglichkeiten der Mitwirkung: Wer seine Zeit überwiegend mit Gelderwerb verbringt, konnte sich kaum einbringen.

Zusehends wurde ich vom aktiven Mitgestalter und Forscher zum Zuschauer, da es mir nicht gelang, vor Ort mit wenig Zeiteinsatz genügend Geld zu verdienen, um produktiv zur Entwicklung der Zukunftswerkstatt beizutragen.

Der Rest ist Geschichte: Ich kaufte ein Schiff und entwickelte mein eigenes Forschungsprojekt zum Thema fairer Preis. Eine nun im sechsten Jahr glückliche Kombination von Gelderwerb und Experimentierraum (mehr dazu hier: https://glückssegeln.de/).

Aus der Distanz immer noch dran

Eine lange Zeit fand ich in meiner Enttäuschung vor allem kritische Worte für den Tempelhof und seine Forschungsimpulse.

Mein großes Glück war und ist meine Frau: Sie blieb beharrlich am Platz und sorgte dafür, dass ich bei meinen Landaufenthalten praktisch gezwungen war, mich immer wieder mit der Gemeinschaft und ihren Themen zu befassen.

So durfte ich trotz meiner Kritik und Entfremdung weiterhin hautnah die Entwicklungsprozesse im Dorf teilen und mein Blick wurde über die Jahre respektvoller und milder.

Corona sei Dank

Ein weiteres Glück war für mich das Coronavirus und seine Folgen: Als ich nach wochenlanger Corona bedingter Odyssee auf Atlantik und Nordsee endlich wieder mal am Tempelhof war, fand ich mich überraschend in einer Gesprächsrunde zu den Folgen der Krise mit einem jener Menschen in einem Raum wieder, der damals maßgeblich für mein Ausscheiden stand.

Nach mehreren Jahren Schweigen und Sprachlosigkeit zwischen uns, welche zumindest auf meiner Seite aus persönlicher Verletzung, Enttäuschung und Schutzbedürfnis motiviert waren, brachte uns das gemeinsame Thema wieder ins Gespräch.

Es folgte eine denkwürdige Woche zusammen an Bord meiner ANAKIWA und seitdem eine behutsame Zusammenarbeit am für uns beide brennenden Thema „Zukunftsfähigkeit von Gemeinschaft in Zeiten von Polarisierung und Spaltung“.

Neuer Blick

Mit Dankbarkeit sehe ich heute am Tempelhof die grundsätzliche Bereitschaft zu Begegnung und zum Gespräch gerade auch mit Andersdenkenden.

Mit Dankbarkeit sehe ich das Bemühen, zukunftsfähige Modelle auf verschiedenen Ebenen weiterhin zu entwickeln und zu erproben.

Einiges in der Gemeinschaft ist mir nach wie vor nicht radikal genug. Auf Vieles, was hier geschaffen wurde, blicke ich aber mit großem Respekt und Hochachtung. Dass mein individueller Weg – hin und weg und wieder sich annähernd – möglich war, dafür möchte ich mich ganz besonders herzlich bedanken.

Es stimmt mich heiter und hoffnungsvoll, dass kurz nach meinem Entschluss, zumindest in meinen Zeiten an Land wieder aktiv an dieser Zukunftswerkstatt mitzuwirken, das solidarische Finanzierungsmodell für Landwirtschaft und Küche wieder eingesetzt wurde!

 

Ben Hadamovsky