„Es gibt keinen Gewinn in dieser Welt, es gibt nur das Leben“. (Kay Sara)

Eine demokratische Gesellschaft bildet einen geschützten Raum, der das freie Atmen, Denken und Handeln ihrer Mitglieder befördert.

Aus diesem Raum entfernen wir uns gerade gefühlt mit Riesenschritten. 

Die Masken vor den Gesichtern der Menschen – und die Räume, wo diese zwingend vorgeschrieben werden – breiten sich aus und behindern den freien Atem. Die Luft für klare Gedanken wird buchstäblich knapp.

Wie es um die Handlungsfreiheit aussieht in einer Gesellschaft, in der seit einem Jahr im Wochenrhythmus immer kompliziertere Verordnungen auf unbestimmte Zeit und ohne Rücksprache mit den Betroffenen verhängt werden, ist nicht wirklich mehr eine Frage.

Allein dass ich mich beim Schreiben dieser Zeilen dabei ertappe abzuwägen, was ich hier zu diesem Thema klugerweise schreiben sollte, zeigt deutlich, wie weitreichend die subtilen Einschränkungen auch des Gedankenraums bereits fortgeschritten sind.

Was bedeutet das für Gemeinschaften wie den Tempelhof und die Menschen, die darin leben?

Wenn wir uns wieder einmal in Kontroversen verstrickt haben, in langen Runden am Abend oder in Auseinandersetzungen per eMail (wie oft sitze ich kopfschüttelnd vor meinem Rechner und frage mich, wie jemand nur so einen Quatsch glauben und auch noch schreiben kann – und mit so einem Menschen teile ich auch noch das Dorf, unfassbar!), dann begegnen wir uns am nächsten Tag wieder in der realen Welt z.B. beim Essen oder im Plenum. Wir sehen uns beim Bäume pflanzen, Gärtnern, Ideen und Projekte spinnen, in der Verwaltung oder beim Ausbau unserer neuen Essräume. Wir erleben unmittelbar, dass wir mit- und füreinander tätig sind. Das schafft wieder Verbindung.

Ohne diese Begegnungen in der realen Welt wären wir vermutlich längst heillos zerstritten. Und, anders als im weit verstreuten Familien- und Freundeskreis, sind wir durch unser Commitment zum Zusammenleben darauf angewiesen, in Beziehung zu bleiben. Wir können und wollen uns nicht in Funkstille, Kontaktabbruch, Tabuisierung von Themen flüchten – das wäre Verrat an der Gemeinschaftsvision und unseren Werten.

Unsere Träume sind der Kompass in die Zukunft

Wir erinnern uns seit Corona verstärkt daran, warum wir hier sind. Zu Neujahr haben wir intensiv an unserer Vision für 2030 gearbeitet: Wo wollen wir dann als Gemeinschaft sein? Und vor allem: Wie wollen wir sein?

Bei aller Verschiedenheit liegen unsere Träume überraschend nah bei einander. Kooperation und die Sehnsucht nach echter Begegnung sind unübersehbar. Verbundenheit mit den Menschen und ein Ende der Weltvernutzung. Und selbst die erträumte (und sicher nicht ganz ernst gemeinte) Tiefgarage unter unserer Dorfwiese wird vom nächsten Träumer bereits für seine Pilzzucht mitgenutzt.

Wenn wir die Welt, wie wir sie heute vorfinden, als Ergebnis unserer Träume und Gedanken in der Vergangenheit ernst nehmen, ist eigentlich klar, wohin die Reise geht: Ohne ein grundsätzlich verändertes Bewusstsein der Vielen, ohne veränderte Gedanken darüber, was die Welt von uns Menschen braucht und wie wir in der Welt  sein wollen, werden wir auch mit den besten Absichten nur mehr von dem erzeugen, was uns in diese Krisen-Situation gebracht hat.

Nichtwissen als Haltung?

Am Tempelhof versuchen wir immer wieder auf’s neue, die alten Bahnen und Denkmuster zu hinterfragen und offen zu sein für dasjenige, was eben noch nicht da, noch nicht gedacht und erprobt ist.

Zugegeben ein nicht ganz einfacher Prozess.

Oft sind wir ratlos, wenn wir uns dabei erwischen, visionäre Ideen mit den altbewährten Kultur-Techniken in linearen Planungsprozessen erreichen zu wollen. Auch der Umgang mit Nicht-Wissen in Gemeinschaft will geübt sein: Was braucht es von uns, damit Handlungsimpulse und -Ideen aus dem Nichtwissen aufsteigen können?

Immerhin, eins gelingt uns zusehends besser: Den Raum des Nichtwissens offen zu halten und nicht aus Ungeduld heraus zu vorschnellen Lösungen zu greifen.
Räume offen halten – Denkräume, Gesprächsräume, Ungewissheitsräume. Das scheint eine gute Voraussetzung für eine im Werden begriffene gute Zukunft zu sein.

In alle den Prozessen wächst in der Krise unsere Lebensfreude und Zuversicht. Wir befinden uns im großen Wandel und unsere Freude, Sehnsucht und Träume erweisen sich als der zuverlässigste Kompass auf der Reise zu einem guten Leben für alle.

Ben Hadamovsky