6_Foto Vielfalt Maria

Impressionen von Maria Keil

Es war im ersten Jahr am Tempelhof, da gab es am Freitag Abend noch Disco im Wichernhaus. Als ich mich dem Haus näherte, stand da eine Gruppe von Halbwüchsigen vor der Türe, sie waren mir nicht bekannt. Ich habe sie gefragt, ob sie in die Disco mit rein schauen wollen. Da hat sich ein Großer, Starker vorgeschoben, sich aufgepflanzt und mich gefragt: „Was ist denn jetzt anders bei euch als bei uns?“ Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, viel gab es in der Situation nicht zu reden. Die Frage ist aber da und sie ist auch heute noch berechtigt und ich höre sie auch dann und wann sich stellen.

Wenn Menschen sich in einer Gemeinschaft zusammen tun, dann haben sie in der Regel eine gemeinsame Ausrichtung, eine religiöse, eine spirituelle, was immer man darunter versteht oder eine bestimmte politische Ausrichtung oder ein soziales Engagement. Dafür gehen sie, setzen sich dafür ein und formulieren meist auch ein Ziel.

Wenn ich zur Frage oben eine Antwort versuche zu geben, dann ist das bitte jetzt meine Antwort. Stelle ich jemanden am Tempelhof diese Frage, dann würde ich mit großer Sicherheit eine andere Antwort bekommen. Das hört sich kompliziert an. Ist es aber nicht, denn ich gebe nur meine Antwort.

Zuerst, wir haben kein gemeinsames Ziel, wir haben eigentlich gar kein Ziel, denn erfahrungsgemäß entsteht das, was wirklich dran ist. Prozessorientiert wird etwas geboren und wir merken, da ist Kraft drin und das Projekt wächst und entwickelt sich, so z. B. unsere Schule. Wir haben noch viel anderes geträumt, wunderbare, brauchbare Dinge, die aber noch warten müssen oder vielleicht nie entstehen, weil niemand dafür geht oder sie auch nicht mehr gebraucht werden. Also, kein Ziel zu haben und eher Ausschau zu halten, wo und wie sich ein Ziel abzeichnet, ist ungewöhnlich, durchaus.

Aber irgendwas muss es doch noch geben, das uns Ausrichtung gibt, an das wir uns halten, das unser gemeinsames Leben formt. Bei genauem Nachdenken kann ich sagen, es gibt tatsächlich etwas, das wir mit eingeladen und bewusst mit hierher gebracht haben, das pralle Leben, die Vielfalt, mit der Mensch immer konfrontiert ist.  Um es deutlich auszusprechen: Die Welt kann mit der Vielfalt nicht gut umgehen, sie ist Urgrund von Streit und Missverständnis bis hin zu Krieg.

Und wir, wie geht es uns mit der Vielfalt ? Na, ja, wir stellen uns die Frage, wie kann Mensch die Vielfalt als Geschenk annehmen und vielleicht sogar genießen. Ehrlich gesagt, Vielfalt leben, ist eine Herausforderung. Da sind die hochprozentigen Ökologen, die sich viel mit ihrer Materie befasst haben und ihr Wissen umgesetzt haben wollen. Da sind die anderen, die ein ganz anderes Thema zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben und dies auch umsetzten wollen. Sie treffen auf irgendeinem Gebiet aufeinander und da gibt es augenscheinlich keine Gemeinsamkeiten mehr. Oder Geschmacksfragen, das ist kein Gebiet in einer Gemeinschaft, in das sie sich unvorbereitet hineinwagen sollte. Es ist hier nicht anders, wie überall auf der Welt: Eine scheinbar präzise Formulierung wird vor einer Gruppe von Menschen ausgesprochen und sie alle fügen das Gehörte in ihr eigenes Gefüge von Wahrheit ein. Was entsteht, kann Verwirrung sein und sich unbewusst zu Streit entwickeln.

Wir wollten von Anfang an die Vielfalt, wir wollten nichts einfacheres wählen als die Vielfalt, weil wir ja sonst dem Leben ausweichen würden. Jetzt haben wir sie, die Vielfalt und experimentieren, wie wir ihr gerecht werden können, wie wir aufhören können, an der Vielfalt zu leiden und ihr Potenzial uns nützlich zu machen.

Wir reiben uns aneinander, das ist erlaubt, nützlich und es könnte auch Spaß machen, aber da sind wir noch nicht. Dabei können sich Kannten und Riffe glätten, das erleichtert. Aber wir werden uns nicht an diesem Thema aufreiben, da passen wir aufeinander auf. Wären wir alle gleich abgerieben, hätten wir keine Vielfalt mehr. Da könnten wir um sie trauern und sie im Nachhinein noch lieben. Aber soweit kommt es nicht, das heißt aber nicht, dass wir die Vielfalt nicht doch eines Tages lieben werden. Das ist jetzt aber kein formuliertes Ziel, wenn, dann wird es sich einstellen.

Ich habe die Idee für  jeden Newsletter eine Vielfaltgeschichte zu schreiben, wie das Leben am Tempelhof mit der Vielfalt so spielt. Hab ich mir so gedacht, aber noch nicht versprochen.