Mystik beginnt im Alltag

Vom nackten Babypopo, einem alten Ort und der täglichen Übung, einander neu zu begegnen

Mystik verbinden wir gerne mit besonderen Erfahrungen: mit Klöstern, langen Meditationen, heiligen Orten, außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder Reisen in ferne Kulturen. Doch die eigentliche Reise beginnt zuerst einmal bei mir selbst. Seit mehr als 25 Jahren forsche ich in Kursen und in meinem eigenen Leben danach, was geschieht, wenn unsere gewohnte Wahrnehmung durchlässiger wird und das feste Gegenüber von „hier bin ich“ und „dort ist die Welt“ für Augenblicke seine Selbstverständlichkeit verliert. Inzwischen erscheint mir ein anderes Übungsfeld mindestens ebenso wesentlich: der Alltag. Und darin ganz besonders das Leben in Gemeinschaft.

Heute leben, lernen und arbeiten am Schloss Tempelhof über 180 Menschen miteinander. Da gibt es keine Möglichkeit, sich dauerhaft in ein spirituelles Selbstbild zurückzuziehen. Spätestens beim nächsten Plenum, beim Essen, beim Ärger über eine nicht erledigte Aufgabe, in einer Auseinandersetzung um Geld oder Verantwortung oder bei der Begegnung mit einem Menschen, dessen Art mir gerade gründlich gegen den Strich geht, holt mich das Leben zurück. Genau darin liegt für mich eine tiefe spirituelle Qualität von Gemeinschaft: Das, was sich in Meditation, Kontemplation oder einer mystischen Erfahrung öffnet, muss sich in Beziehung bewähren.

Jeden Morgen wieder mit nacktem Babypopo

In einem Text über die mystische Grenzerfahrung einer früheren Kursteilnehmerin habe ich einmal von der Übung gesprochen, immer wieder ganz unschuldig „mit dem nackten Babypopo“ von vorne anzufangen. Je länger ich in Gemeinschaft lebe, desto grundlegender wird dieser etwas eigenwillige Satz für mich. Einem Menschen wirklich neu zu begegnen heißt, ihn nicht vollständig mit dem Bild zu verwechseln, das ich gestern von ihm hatte. Da hat mich jemand enttäuscht, verletzt, gelangweilt oder geärgert, und schon legt mein Bewusstsein eine Akte an. Beim nächsten Zusammentreffen begegne ich dann kaum noch dem Menschen, der jetzt vor mir steht, sondern meiner inneren Akte über ihn. Gemeinschaft bietet reichlich Gelegenheit, diese Akten täglich weiterzuführen. Spirituelle Praxis bedeutet für mich zunehmend, sie immer wieder für einen Moment zu schließen.

Damit verschwindet die Vergangenheit nicht. Verletzungen brauchen Wahrnehmung, Konflikte brauchen Klärung und Verantwortung darf nicht in einer weichgespülten Harmonie verschwinden. Doch etwas anderes wird möglich: Der Mensch vor mir bekommt die Chance, heute ein anderer zu sein als gestern. Und auch mir selbst wird diese Chance zugestanden. Das ist anspruchsvoller, als es klingt. Bevor ich den anderen in seiner Unzulänglichkeit annehmen kann, muss sich mein Mitgefühl weit in die eigene Unzulänglichkeit hineindehnen. Meine Ungeduld, meine Eitelkeit, meine Verletzbarkeit, meine Angst, mein Rechthabenwollen und meine alten Schutzbewegungen verschwinden auch nach Jahrzehnten innerer Arbeit nicht einfach. Manches wird feiner, manches schneller durchschaubar, und manches taucht gerade dann wieder auf, wenn ich glaubte, es längst hinter mir gelassen zu haben.

An diesem Punkt berührt die Gemeinschaftspraxis für mich etwas vom christlichen Herzensgebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ lässt sich nicht auf die Hälfte reduzieren. Ohne ein immer tieferes Erbarmen mit dem eigenen Menschsein wird die Liebe zum anderen schnell zur moralischen Forderung. Erst wenn die eigene Begrenztheit einen Platz bekommen darf, entsteht die Freiheit, auch die Fremdheit des anderen stehen zu lassen. Dann kann seine Andersartigkeit allmählich aufhören, eine Störung meiner Welt zu sein und zu einem Einblick in die ungeheure Vielfalt der Schöpfung werden.

Solche Sätze können schnell groß klingen. Im Alltag sind sie erstaunlich unspektakulär. Verantwortlichkeit heißt dann, wahrzunehmen, welche Wirkung von mir ausgeht, anstatt den anderen für meine Befindlichkeit verantwortlich zu machen. Achtsamkeit bedeutet, den winzigen Moment zu entdecken, bevor aus einer inneren Verletzung ein Angriff wird. Freundlichkeit ist keine höfliche Oberfläche, sondern die immer neu zu treffende Entscheidung, meinem Gegenüber zunächst einmal Menschlichkeit zu unterstellen. Auch Menschenliebe ist für mich inzwischen weniger ein Gefühl als eine Praxis. Es gibt Tage, an denen sie leichtfällt, und andere, an denen mir bestimmte Menschen wahrlich keine große Hilfe bei dieser Übung sind. Gerade dann wird es interessant.

In unserem WIR-Prozess sprechen wir möglichst aus dem gegenwärtigen Innenraum und versuchen, Aktion und unmittelbare Reaktion voneinander zu lösen. Ein anderer Mensch sagt etwas, und in mir setzt eine Reaktion ein. Der gewohnte Reflex ist, sofort zu antworten, mich zu verteidigen, richtigzustellen oder zurückzuschlagen. Wird dieser Reflex unterbrochen, öffnet sich ein kleiner Zwischenraum. In ihm kann etwas Neues geschehen. Dieser Zwischenraum ist für mich einer der Orte, an denen Gemeinschaft und Mystik einander berühren.

Als die Zeit stehen blieb

Doch nicht nur zwischen Menschen kann sich etwas öffnen. Auch der Ort selbst gehört für mich zu dieser Forschung: Tempelhof mit seiner besonderen Vergangenheit, seiner Landschaft und einer Präsenz, die sich schwer beschreiben lässt und die ich dennoch immer wieder wahrgenommen habe. Über viele Jahre ist mir deutlicher geworden, dass Gemeinschaft nicht unabhängig von dem Boden entsteht, auf dem sie lebt. Wir prägen einen Ort – und zugleich scheint auch ein Ort etwas mit uns zu tun.

Mehrmals habe ich hier am Tempelhof Erfahrungen gemacht, für die meine gewöhnliche Beschreibung von Wirklichkeit nicht ausreicht. Dabei war es nie spektakulär im äußeren Sinn. Die Zeit wurde auf einmal still, nicht langsam, sondern auf eine merkwürdige Weise bedeutungslos. Gleichzeitig dehnte sich die Wahrnehmung weit aus. Geräusche, Farben, Körperempfindungen und der Raum selbst bekamen eine Dichte und Klarheit, die sich deutlich vom normalen Bewusstseinszustand unterschieden.

Eine dieser Erfahrungen geschah mitten in unserer Landwirtschaft. Gerade dieser Bereich war für uns am Anfang alles andere als selbstverständlich. Auf rund 550 Metern Höhe, mit schwerem, tonigem Boden, der bei Trockenheit hart aufbrechen kann, hielten manche Landwirte aus der Umgebung unsere Pläne für ziemlich verrückt. Heute wächst und gedeiht unsere Landwirtschaft, und Menschen, die damals zweifelten, wundern sich darüber, was auf diesem Boden möglich geworden ist. Für mich selbst war das ebenso überraschend. Mein Zugang zu Mystik war immer spirituell und forschend, aber eher zurückhaltend gegenüber magisch-esoterischen Erklärungen.

An einem Tag saß ich dort einfach zwischen den Flächen. Wieder wurde es still und friedlich, die Zeit schien stehenzubleiben, während sich die Sinne weit öffneten. In dieser Wahrnehmung wurden wesenhafte Phänomene spürbar. Dafür fehlen mir bis heute bessere Worte. Da war kein Hören mit den Ohren und keine Stimme im üblichen Sinn. Eher wurde etwas unmittelbar ins Herz geschrieben: „Schön, dass du es gemacht hast. Schön, dass du da bist.“ Mehr nicht. Gerade weil mir fertige magische Erklärungen fremd sind, hat mich diese Erfahrung tief bewegt. War es eine Projektion meiner Psyche, eine Wahrnehmung aus tieferen Bewusstseinsschichten, etwas, das zu diesem Ort gehört, oder eine Form von Wirklichkeit, für die unsere normalen Sinnesorgane nur selten offen sind? Darauf gibt es von mir keine endgültige Antwort. Die Erfahrung selbst war real, und ihre Wirkung ebenfalls. Etwas in mir kam an.

Über Jahre hatte mich der Gedanke begleitet, noch einmal auszuwandern, weiterzuziehen und anderswo einen besonderen Ort zu finden. In diesem Moment stellte sich eine sehr einfache Frage: Warum eigentlich in die Ferne gehen, wenn sich das Geheimnis des Lebens mitten im eigenen Alltag zeigt? Vielleicht liegt eine der großen Verführungen spiritueller Suche darin, das Außergewöhnliche woanders zu vermuten. Dabei kann das Fremde, das Heilige, das nicht vollständig Erklärbare direkt zwischen Gemüsebeeten, Dorfplenum und der Begegnung mit dem Nachbarn auftauchen.

Mystik muss sich im Leben bewähren

Mystische Erfahrungen können berauschen. Genau darin liegt auch ihre Gefahr. Das Ego ist erstaunlich geschickt darin, selbst eine Erfahrung von Egolosigkeit anschließend für seine eigene Vergrößerung zu benutzen. Plötzlich hat jemand etwas Besonderes erlebt, weiß mehr als die anderen oder hält sich für weiterentwickelt. Dann wird aus Mystik eine neue Form der Trennung.

Für mich liegt der Prüfstein deshalb an einer anderen Stelle: Macht mich eine Erfahrung mitfühlender? Werde ich verantwortlicher für meine Wirkung? Kann ich dem Menschen, der vollkommen anders denkt als ich, mit etwas mehr Offenheit begegnen? Wächst meine Fähigkeit, mich berühren zu lassen? Kann ich meine eigene Unzulänglichkeit liebevoller halten und dadurch auch die des anderen? Entsteht mehr Ehrfurcht vor dem Leben? Wenn davon nichts im Alltag ankommt, bleibt auch die schönste mystische Erfahrung für mich unvollständig – ja, sie kann sogar gefährlich werden. Wird eine solche Erfahrung vom Ego vereinnahmt und in das eigene Selbstbild eingebaut, kann sie die Abschottung des Ichs noch verhärten. Dann entsteht aus einer Erfahrung von Weite ausgerechnet ein engeres, grandioseres Selbstbild.

Gemeinschaft ist deshalb ein so kostbares Forschungsfeld. Hier kann ich mich nicht lange in meiner Erleuchtung ausruhen. Der nächste Mensch kommt zuverlässig um die Ecke und bietet mir eine neue Gelegenheit, ganz von vorne anzufangen: aufmerksam, verantwortlich, freundlich und möglichst mit nacktem Babypopo.

Wer bin ich? Wer sind wir?

Am Ende führen mich all diese Erfahrungen immer wieder zu zwei einfachen Fragen: Wer bin ich? Und wer sind wir?

Die erste Frage führt nach innen. Was bleibt, wenn Rollen, Geschichten, Verletzungen, Erfolge, Überzeugungen und Vorstellungen über mich selbst für Augenblicke ihre Festigkeit verlieren? Was geschieht, wenn ich mich nicht sofort mit jedem Gedanken, Gefühl und jeder Reaktion identifiziere, sondern wahrnehme, was darunter liegt? Die zweite Frage beginnt dort, wo diese innere Forschung auf andere Menschen trifft. Wer sind wir miteinander, wenn jeder seine Geschichte, Prägungen und Schutzbewegungen mitbringt? Was entsteht, wenn wir bereit sind, uns nicht nur aus alten Mustern heraus zu begegnen, sondern einander immer wieder neu wahrzunehmen?

Darin liegt für mich eines der großen Geschenke von Gemeinschaft. Beide Forschungsrichtungen lassen sich nicht voneinander trennen. Die Frage „Wer bin ich?“ führt nur einen Teil des Weges, wenn sie ausschließlich in Meditation, Rückzug oder besonderen Bewusstseinszuständen erforscht wird. Irgendwann steht der andere Mensch vor mir – mit seiner Andersartigkeit, seinen Bedürfnissen, Begrenzungen und seiner Schönheit. Dann zeigt sich, was von meiner inneren Erkenntnis tatsächlich im Leben angekommen ist. Umgekehrt kann auch ein „Wir“ nicht lebendig werden, wenn die Einzelnen sich selbst nicht begegnen wollen. Sonst treffen vor allem Schutzmechanismen, Erwartungen und Vorstellungen aufeinander. Gemeinschaft wird leicht zur Bühne alter Muster, nur mit einem schöneren Ideal darüber.

Für mich gehört beides zusammen: die persönliche Erforschung des eigenen Wesens und die gemeinsame Übung, daraus Beziehung entstehen zu lassen. Mystik und Gemeinschaft berühren sich an dieser Schwelle. Eine Erfahrung von Verbundenheit bekommt Boden, wenn sie sich in Verantwortlichkeit, Achtsamkeit, Freundlichkeit und Mitgefühl verwandelt. Und der Alltag gewinnt Tiefe, wenn hinter dem Gewöhnlichen immer wieder etwas von jener größeren Wirklichkeit aufscheint, die sich unserem vollständigen Verstehen entzieht. Eine Antwort darauf lässt sich kaum erklären. Sie muss erfahren werden. Und am nächsten Morgen beginnt die Übung ohnehin wieder von vorne.

Wolfgang Sechser

Wer bin ich? – 3. bis 8.11.2026

Enlightment Intensiv – Reise zur eigenen Natur

GemeinschaftsIntensivProzess (GIP) – 7. bis 13.12.2026

WIR-Prozess – 11. bis 13.12.2026

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