Vom Tun zum DaSein – Erfahrungen und Reflektionen als Mann und Gründer in Gemeinschaft

In der letzten Winterintensivzeit habe ich als Mitgründer und langjähriger Gestalter der Gemeinschaft etwas erlebt, das mich selbst überrascht hat. Seit rund vier Jahren hatte sich eine innere Bewegung vollzogen: ein Zurücktreten aus allen Funktionen, geboren aus Erschöpfung, Enttäuschung und der Notwendigkeit von Distanz. Die Zeit des Gründens, des Aufbaus, all des intensiven Tuns – mit den unvermeidlichen Fehlern, mit den Projektionen, denen man sich dabei aussetzt – hatte ihren Preis gefordert.

Hinzu kam eine schwere Erkrankung, die mein Augenlicht stark eingeschränkt hat. Was zunächst wie ein Verlust erschien, erwies sich mit der Zeit als eine leise, fast zärtliche Unterstützung des Lebens. Sowohl der Rückzug aus den Funktionen als auch das Nachlassen des Sehens halfen dabei, den eigenen Platz neu einzunehmen: den Platz eines Mannes mit wirkmächtiger Vergangenheit, mit vielen Erfahrungen, Höhen und Tiefen – und mit einer Präsenz, die nicht mehr aus Tun entstehen muss.

Aus diesem Lebensraum heraus bin ich nach drei Jahren erstmals wieder in eine Winterintensivzeit eingestiegen. Ohne offizielle Rolle, ohne Auftrag, ohne Verantwortung für Entscheidungen oder Prozesse. Einfach da sein, lauschen, mich zeigen, präsent zur Verfügung stehen.

In einem Moment sagte ein jüngerer Mann, der ein großes Projekt vorantreibt, dass er heute fast froh sei, dass ich als einer der wenigen meine kritische Stimme erhoben habe. Genau dadurch wurde das Projekt bislang nicht entschieden – und zugleich durch die Entschleunigung des Prozesses tiefer und präziser. Dieser Satz hat mich tief berührt. In ihm wurde eine Schwelle greifbar, an der ich stellvertretend für viele andere ehemals wirkmächtige Männer stehe: der Übergang vom Tun ins Sein.

Gleichzeitig wurde spürbar, dass sich hier etwas Größeres vollzieht. Ein Ort kollektiver Heilung und des Friedens. Männer unterschiedlicher Generationen reichen sich die Hand und führen keinen Krieg mehr – weder offen noch verdeckt. Nicht nur in diesem einen Moment, sondern über die gesamte Zeit hinweg, getragen von immer neuen ehrlichen Bekenntnissen und gezeigten Fühlräumen.

Und mit dieser Entspannung unter den Männern wurde auch etwas anderes wahrnehmbar: ein freundliches, erleichtertes Ausatmen der Frauen. Als würde sich ein Feld entspannen, das lange unter Spannung stand. Für mich fühlte sich das wie ein fast heiliger Ort an.

Aus solchen Erfahrungen heraus zeigen sich Fragen, die weit über das Persönliche hinausgehen. Was geschieht, wenn Männer keinen würdigen Übergang vom Tun ins Sein finden? Wenn Bedeutung ausschließlich an Funktion, Macht oder Sichtbarkeit gebunden bleibt? Dann wird Macht angehäuft oder Erschaffenes zerstört. Dann wird lieber verbrannt, was nicht losgelassen werden kann.

Eine Kultur, die Männern keinen Platz im Sein anbietet, produziert Herrscher oder Zerstörer. Beides hinterlässt Verwüstung. Gemeinschaft kann hier ein dritter Ort sein: ein Raum, in dem Übergabe möglich wird, ohne Entwertung. In dem Autorität nicht genommen, sondern gewährt wird. Und in dem jüngere Männer sich aufrichten können, ohne ältere vom Platz stoßen zu müssen.

Dort, wo das gelingt, löst sich Bedeutung von Funktion. Anerkennung entsteht nicht mehr aus Profilierung, sondern aus Präsenz. Männliche Kraft zeigt sich dann nicht als Dominanz und nicht als Rückzug, sondern als Aufrichtigkeit, Standhaftigkeit und Beziehungsoffenheit.

Vielleicht liegt genau hier eine noch kaum benannte Aufgabe unserer Zeit. Übergänge zwischen den Generationen so zu gestalten, dass sie nicht in Kämpfen enden. Dass Loslassen nicht als Verlust erlebt wird, sondern als Wandlung. Und dass Räume entstehen, in denen etwas Gemeinsames reifen darf – ohne Eile, ohne Zwang, ohne fertige Antworten.

Wolfgang Sechser

PS: Hier geht es zu einem generationenübergreifenden Männerseminar mit Wolfgang:

Vom Tun zum DaSein – Erfahrungen und Reflektionen als Mann und Gründer in Gemeinschaft 18.6.-21.6.26

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