Lebenswerkstätten – ein neues Veranstaltungsformat

Zusammenleben in Gemeinschaft erfordert, sich immer wieder seiner persönlichen Innenwelt zuzuwenden, dem Ich im Wir. Das bleibt auf dem Weg in eine Wir-Kultur nicht aus – wenn ich mit mir, meinen lichten und schattigen Seiten, nicht verbunden bin, wie kann ich da mit anderen ein Leben in Verbundenheit führen? Wir sagen gerne: „Wir-Prozesse sind vor allem auch Ich-Prozesse“.

Da ist es natürlich, sich auch den persönlichen Lebensfragen und dem Wandel im eigenen Leben sehr bewusst zuzuwenden. Jede Lebensphase hat ihre eigenen Fragen, Herausforderungen, Entwicklungsaufgaben und Chancen. Gewöhnt daran, unser Inneres wahrzunehmen und uns offen mit anderen darüber auszutauschen, haben wir irgendwann verstanden, dass Tempelhof, neben vielem anderen, auch Lebenswerkstatt ist. Gemeint ist damit: Wir bringen Bewusstheit in die Art und Weise, wie wir Übergänge und neue Lebensphasen gestalten wollen, welche Aufgaben und Rollen wir hinter uns lassen und welche wir neu ergreifen wollen. Den Austausch unter Männern und Frauen in derselben Lebensphase erleben wir dabei als ausgesprochen hilfreich. Hier wird kein Ratgeberwissen ausgetauscht, niemand erklärt uns, wie es geht, sondern wir tauchen gemeinsam in unsere Fragen ein, hören voneinander und wachsen so allmählich in unsere persönlichen Antworten hinein.

Kraft von Gemeinschaft für den persönlichen Wandel im Leben

Ganz organisch ist so aus unserem Tempelhofleben heraus eine erste Lebenswerkstatt als Seminarangebot entstanden. Wir hatten uns gefragt: Wie können wir Menschen dieses Potenzial von Gemeinschaft für persönlichen Wandel zur Verfügung stellen, wenn sie selbst nicht Teil einer solchen Gemeinschaftskultur sind? An Pfingsten vor zwei Jahren fand dann die erste Lebenswerkstatt für LängerGelebtHabende statt. Eingeladen waren Männer und Frauen ab 55 Jahren, der älteste Teilnehmer war 82. Es war ein Experiment. Wir Tempelhöfer Begleiterinnen, alle über 70, hatten in persönlicher Kenntnis der Herausforderungen dieser Lebensphase das Format entwickelt. Wir sind Mitforschende und verkörpern vor allem die Kultur des Miteinanders, die uns nach vielen Jahren in der Gemeinschaft prägt. Unsere Vorgehensweisen in den Werkstätten sind mitten aus dem Tempelhofleben gegriffen. Es war ein Erfolg! Aufgrund der großen Nachfrage boten wir im Herbst darauf gleich eine weitere Werkstatt an. Nun, im Oktober 2026, findet bereits die mittlerweile sechste Lebenswerkstatt der LängerGelebtHabenden statt (einige Plätze sind noch frei, s. Veranstaltungskalender). Es hat sich so entwickelt, dass aus jeder Werkstatt das Schwerpunktthema für die kommende entsteht. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen immer wieder, andere zum ersten Mal.

Orte für Inspiration und Vernetzung

Die Lebenswerkstätten der LängerGelebtHabenden bringen Menschen zusammen, die Wesentliches miteinander teilen. Es entstehen neue Freundschaften und Impulse aus den gemeinsamen Tagen wirken weiter. So haben sich Folgeveranstaltungen bei uns am Tempelhof entwickelt, wie zu Beginn des Jahres der Workshop „Politik neu denken“, der bewusst die Generationen Ü60 und U30 zusammenbrachte oder jetzt im November ein Wir-Prozess für LängerGelebtHabende (s. Veranstaltungskalender; er ist offen für alle ü55, Plätze sind noch frei). Der Idee einer Teilnehmerin folgend reiste eine kleine Gruppe im Frühjahr miteinander nach Kroatien. Eine weitere Reise, diese Mal nach Chartres, könnte folgen. Schon nach der allerersten Lebenswerkstatt nahm eine Teilnehmerin den Impuls auf und lädt seither in Seefeld bei Salzburg zweimal im Jahr zu einer ähnlichen Veranstaltung ein. In Nordbayern treffen sich LängerGelebtHabende regelmäßig vor Ort, andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer monatlich online. Eine Teilnehmerin trug die Idee in ein an ihrem Wohnort bestehendes Netzwerk „Wohnen im Alter“ und organisiert in diesem Rahmen Treffen. In jeder unserer Lebenswerkstätten wird mittlerweile über die entstandenen Initiativen und Erfahrungen berichtet. So wird die Lebenswerkstatt am Tempelhof mehr und mehr zu einem Ort des Erfahrungsaustausches, des Mutmachens, der Vernetzung und Inspiration. Wir freuen uns, wenn Gemeinschaft als Haltung und das Handwerkszeug für eine verbindende Kommunikationskultur auf diese Weise Verbreitung finden.

Die Lebenswerkstatt hat Nachwuchs bekommen.

„Mitten im Leben“, so heißt er, der Nachwuchs am Tempelhof. Eine Lebenswerkstatt für 40- bis 55-Jährige – für eine Lebensphase, die oft besonders dicht ist und in der vieles gleichzeitig ruft und fordert: Beziehungen und Familie, Kinder, vielleicht schon die älter werdenden Eltern, Beruf und Verantwortung, Freundschaften und nicht zuletzt die gesellschaftlichen Veränderungen, die uns alle beschäftigen.

Hier bei uns in der Gemeinschaft erleben wir, dass Menschen in dieser Lebensphase sich fragen, wie das eigene Leben stimmig weitergehen kann. Was trägt noch, was verändert sich, was möchte neu entstehen? Und wir erleben, wie bereichernd es ist, solche Fragen nicht nur für sich allein zu bewegen, sondern gemeinsam mit anderen, die an einem ähnlichen Punkt im Leben stehen. Aus diesem gemeinsamen Forschen ist die Freude entstanden, nun auch Menschen von außerhalb zu diesem Erfahrungsraum einzuladen.

Gerade weil in dieser Lebensphase so vieles gleichzeitig getragen und gestaltet wird, bleibt im Alltag oft wenig Raum, innezuhalten und sich den eigenen Fragen bewusst zuzuwenden.

Auch hier soll es nicht darum gehen, schnelle Antworten oder fertige Konzepte zu finden. Die Lebenswerkstatt „Mitten im Leben“ lädt vielmehr dazu ein, sich für einige Tage aus dem dichten Alltag herauszunehmen und gemeinsam mit anderen Menschen in derselben Lebensphase zu forschen: Wo stehe ich gerade – und wie will ich weiterleben?

Wir möchten dafür denselben Erfahrungsraum öffnen, den wir bei den Lebenswerkstätten der LängerGelebtHabenden als so kraftvoll erleben: einen Raum, in dem persönliche Fragen ihren Platz haben, in dem wir voneinander hören und miteinander lernen können und in dem aus Begegnung, Resonanz und Gemeinschaft vielleicht neue Perspektiven entstehen.

Im kommenden Februar wird „Mitten im Leben“ zum ersten Mal stattfinden. Wir sind neugierig darauf, welche Themen diese Generation mitbringt, was sich aus den gemeinsamen Tagen entwickeln wird – und freuen uns darauf, gemeinsam weiterzuforschen und zu erleben, was daraus wachsen kann.

MarieLuise Stiefel und Martina Jacobson

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