Insel für Zugvögel

Manchmal frage ich mich, was Schloss Tempelhof geworden ist. Was ist der Kitt, der uns zusammenhält?

Natürlich ist es ein Ort zum Leben. Ein Ort zum Arbeiten, Lernen, Gärtnern, Bauen und Feiern. Ein Ort, an dem wir seit vielen Jahren versuchen, Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu finden. Im Alltag, nicht nur in der Theorie. Was uns besonders macht ist, dass Vielfalt ein wichtiger Wert für uns ist und wir ohne Dogma sind. Mit der Zeit habe ich entdeckt, dass Tempelhof noch etwas anderes geworden ist.

Eine Insel für Zugvögel.

In einer Welt, die sich nach besseren Schulen, sinnstiftender Arbeit, regenerativer Landwirtschaft, neuen Formen des Zusammenlebens und einer Wirtschaft im Dienst des Lebens sehnt, machen sich immer mehr Menschen auf den Weg. Manche verlassen vertraute Strukturen, andere suchen nach Orientierung oder möchten ihre Fähigkeiten in einen größeren Zusammenhang stellen. Wieder andere tragen Verantwortung in Unternehmen, Schulen, Initiativen oder Kommunen und suchen neue Impulse für ihre Arbeit.

Nicht alle suchen einen Ort für immer.

Viele suchen einen Ort für eine Wegstrecke. Einen Ort, an dem sie landen können. An dem sie willkommen sind. An dem sie mitarbeiten, lernen, Fragen stellen, experimentieren und Gemeinschaft erleben können. Einen Ort, an dem sie erfahren, dass eine andere Art des Zusammenlebens nicht nur denkbar, sondern lebbar ist.

Wir erleben immer wieder, wie Menschen für einige Tage, Wochen oder Monate Teil unseres Alltags werden. Manche kommen über eine Helferwoche. Andere besuchen ein Seminar. Auch junge Erwachsene kommen immer häufiger zu uns. Sie entscheiden sich für eine langfristige Mitarbeit in einem unserer Betriebe oder für das Bildungsformat „Zukunftsjahr“, um ihre persönliche und berufliche Ausrichtung zu gestalten. Oder sie studieren den „Bildungsbrief“ in der Unit Art City of Flow Valley, einem Natur Campus, der auf unserem Gelände liegt und den unsere Partnerorganisation Institut für Kulturgestaltung (IKG) ermöglicht. Dort entstehen Räume, in denen Persönlichkeitsentwicklung, Unternehmertum und gesellschaftliche Transformation miteinander verbunden werden.

Allen Formaten ist etwas gemeinsam.

Sie laden dazu ein, nicht nur Wissen mitzunehmen, sondern Beziehungen entstehen zu lassen. Die eigentliche Kraft liegt nicht nur im Seminarraum, sondern auch beim gemeinsamen Kochen, beim Arbeiten auf dem Feld, beim Bauen, in Gesprächen am Feuer oder bei einer Tasse Tee nach einem intensiven Tag.

Dabei ist uns etwas Wichtiges bewusst geworden. Es sind nicht nur die Menschen, die zu uns kommen, die etwas mitnehmen. Auch wir werden durch jede Begegnung verändert. Jeder Mensch bringt Erfahrungen, Fähigkeiten, Fragen, Geschichten und Perspektiven mit. Manche öffnen uns neue Blickwinkel, andere bereichern unsere Projekte ganz praktisch. Wieder andere schenken uns Freundschaften oder inspirieren uns, mutiger zu werden. Das trainiert auch unseren Herzmuskel. Tempelhof ist deshalb kein Ort, an dem Wissen in eine Richtung fließt. Es ist ein lebendiger Austausch, von dem alle Beteiligten profitieren.

Wie auf einer Insel, auf der Zugvögel gerne landen.

Sie bleiben nicht für immer. Sie landen, ruhen sich aus, finden Nahrung, Orientierung und Gemeinschaft. Sie hinterlassen Spuren, bevor sie weiterziehen. Und wenn sie wieder aufbrechen, tragen sie etwas von diesem Ort mit hinaus in die Welt.

Gleichzeitig verändert jeder Vogel, der landet, auch die Insel selbst.

Ich wünsche mir, dass Tempelhof genau so ein Ort bleibt: offen für Menschen auf ihrem Weg, verwurzelt genug, um Halt zu geben, und lebendig genug, um sich durch jede Begegnung weiterzuentwickeln.

Vielleicht führt auch dein Weg irgendwann (wieder) für eine Zeit hierher.

Nicht unbedingt, um zu bleiben. Eher, um gemeinsam mit uns ein Stück Zukunft zu gestalten und anschließend das, was hier gewachsen ist, an andere Orten weiterzutragen.

Thomas Hayk

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