Als ich im September 2022 zum ersten Mal eine Delegation der Kogi auf ihrer Reise durch Europa in Tempelhof traf, war ich zutiefst berührt von ihrer Präsenz: Etwas sehr Ausgerichtetes, Klares und trotzdem völlig Unspektakuläres, eine innere Ordnung, die in die Welt wirkt, kam mir da entgegen und hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck.
Vier Menschen eines Volkes hatten uns besucht, das bis vor wenigen Jahrzehnten völlig zurückgezogen von westlicher Zivilisation vor allem in den Hochlagen der kolumbianischen Berge seit Jahrhunderten durch praktisch gelebte, spirituelle Praxis in und mit der Natur lebt.
Was bedeutet es, fragte ich mich, wenn eine große Gruppe von Menschen, ein ganzes Volk, sich in erster Linie danach richtet, ob alles, was sie tun, was sie denken von dem „einen Gedanken“, geleitet wird, dass alles einen Ursprung hat? Auf jeden Fall führt dieses Volk keinen Krieg, las ich damals in Buchholz erstem Buch „Kogi, wie ein Naturvolk unsere moderne Welt inspiriert“.
Ich erfuhr im Laufe der letzten Jahre durch ihre Besuche und Seminare in unserer Gemeinschaft, dass das tägliche Leben der Kogi von spirituellen Gesetzen durchdrungen ist. Die spirituelle Arbeit geht immer der konkreten, materiellen Arbeit voran. Wenn sie ein Problem oder einen Konflikt haben, suchen sie immer nach der spirituellen Ursache, und diese liegt für sie immer in einer gestörten Beziehung zur Mutter Erde.
Besonders jetzt, nach Herausgabe seines zweiten Buches über die Kogi, nehme ich Lucas Buchholz als einen Vertreter einer neuen Generation wahr, die mir Hoffnung gibt: Lucas nimmt uns, die Leser, in seinem zweiten Buch über die Kogi noch einmal mit in ihre (Gedanken-)Welt, dieses Mal aber angereichert mit seiner zehnjährigen Erfahrung im Umgang mit ihnen, ihrem Wissen und ihrer Kultur. Und macht darin seine ganz persönlichen Gedanken, seine Zweifel und auch seine Grenzen, seine innere Auseinandersetzung als akademisch gebildeter Mensch der westlichen Welt sichtbar.

Seine Sicht ist weit entfernt von einer romantischen Verklärung des Indigenen, nein, er ist Realist, ein Weltenbürger des 21. Jahrhunderts. Er sieht die Komplexität, das Machtgefüge unserer heutigen Welt und landet trotzdem dort, wo Veränderung ab sofort möglich ist: bei sich selbst. Und bei einer ganz einfachen Empfehlung: Sprich mit Mutter Erde. Am besten täglich. Erzähle ihr von Deinem Kummer und was Dich bedrückt und von dem, was Dein Herz erfreut, denn beides interessiert sie – und Du wirst einen Unterschied erleben.
Lucas stellt grundsätzliche Fragen, rüttelt an festgefahrenen Einstellungen: “Wir sind es gewohnt, dass die moderne Welt Entwicklungshilfe in den globalen Süden schickt, … Doch was wäre, wenn wir uns eingestehen, dass wir … Hilfe brauchen, und zwar Hilfe dabei, uns weiterzuentwickeln beziehungsweise wiederzufinden?“ (S. 23)
Er macht den Leser nachdenklich. Nimmt den Begriff „indigen“ auseinander und setzt ihn neu zusammen, indem er das Begriffspaar Natur und Kultur unter die Lupe nimmt. Stellt dem Leser nach jedem Kapitel Fragen. Und er scheut sich nicht, heiße Eisen anzufassen: Führt unsere Erinnerungskultur an gewesenes Schlimmes wirklich dazu, dass es nicht wieder passiert?

Der Weg, den die Kogi in aller Konsequenz gehen, nämlich bei allem, was sie tun, zuerst energetisch zu schauen, um eine Verbindung zum großen Ganzen, zu Mutter Erde herzustellen und einen „Ausgleich“ (Alunayigwasi) zu schaffen, ist ein zutiefst spiritueller und forschender Vorgang, der garantiert, dass die Verbindung zum großen Ganzen wieder hergestellt wird. Lucas widmet diesem Vorgang ein ganzes Kapitel, beschreibt genau, wie die Kogi es machen und ermutigt die Leser, es auf ihre Weise zu tun.
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass wir Menschen nicht nur ein Teil des großen Ganzen sind, sondern als Mensch ein bewusstes Gegenüber, ein Partner, der in Beziehung, in Kontakt mit „Mutter Erde“ geht und dadurch mitgestaltet. Er richtet das Wort direkt an „Mutter Erde“, wohlwissend, dass sie an allem interessiert ist, an Positivem und an Negativem. Und ihren Antworten lauschen die Kogi, wenn sie das Orakel befragen.
Wie wäre es also, wenn unsere innere und äußere Natur in ihrer ursprünglichen (gedanklichen) Form wieder Maßstab für Lebens-Kultur werden würde?
„Indigen zu sein, hat nichts damit zu tun, wo du herkommst oder welcher Kultur du angehörst. Es hat damit zu tun, wie du zur Erde und zum Leben in Beziehung stehst“ (S. 28). Und weiter: „Es (das Indigen sein) bedeutet, sich selbst zu dekolonisieren, indem man die Gedanken identifiziert und ordnet, die einen trennen. Und das kann alles sein: Trennung von Orten, Trennung von Menschen, Trennung vom eigenen Körper, Trennung von Konsequenzen. Viele dieser Trennungen fühlen sich an wie Normalität, bis man einmal erlebt hat, wie es ist, wenn sie kurz wegfallen“ (S.127).
Lucas Antwort auf die drängenden Fragen der Zukunft ist, dass wir wieder „einheimisch“ werden können, jeder einzelne von uns. Die Kogi sehen sehr klar die Folgen des menschlichen Handelns durch Jahrhunderte lange Misswirtschaft und Ausbeutung und den dadurch erfolgten Klimawandel. Bei alledem bleiben sie nicht in der Beschreibung der Missstände. Sie haben auch eine hoffnungsvolle Botschaft für uns „jüngere Brüder“, wie sie die Menschen der westlichen Zivilisation nennen: „Er (Mama Shibulata) sagte sinngemäß, dass wir, wenn wir unsere enorme Intelligenz und Kreativität wirklich in den Dienst des Lebens stellen würden, in nur vier Generationen alles Wissen wiedergewinnen und den angerichteten Schaden heilen könnten“ (S. 22).
Das Buch liest sich leicht und hat durch die Authentizität Überzeugungskraft. Hier kannst Du es direkt bestellen:
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Eika Bindgen







