„Ach, so also fühlt sich menschlich artgerechtes Leben an!“ – mit diesem Satz saß ich im Februar 2020 im Kennenlern-Seminar der Gemeinschaft Schloss Tempelhof. Mein erster Besuch an diesem Ort – und ein Satz, der mich knapp zwei Jahre später selbst in diese Gemeinschaft führen sollte.
Mittlerweile lebe ich im fünften Jahr am Tempelhof und bin Teil der Gemeinschaft geworden. Ich denke oft an jenen Satz zurück. Besonders beeindruckt mich, was in gemeinsamen Räumen mit mir geschieht – wie ich ruhiger, wacher und verbundener werde. Zwei Beispiele möchte ich nennen:
- Als Mitglied des Inneren Entwicklungskreises traf ich mich über zwei Jahre hinweg etwa alle zwei Wochen mit sechs anderen Gemeinschaftsmitgliedern. Mit der Frage „Was beschäftigt mich gerade in der Gemeinschaft?“ spürten wir gemeinsamen Themen nach. Dies geschah im Kreis – eine Person nach der anderen sprach, bis die erste wieder an der Reihe war – über einen Zeitraum von drei bis vier Stunden hinweg. Jedes Mal erlebte ich, wie sich mein Nervensystem zunehmend in ein entstehendes Gruppen-Nervensystem einfügte. Ich verließ diese Treffen stets wach, gesammelt und aufgeladen.
- Im letzten Jahr erlebten wir einen unerwarteten Todesfall in der Gemeinschaft. Die Plötzlichkeit und Tragweite überforderten mich und ich fand weder Worte noch Umgang damit – ich stand unter Schock. Noch am selben Abend gestalteten wir gemeinsam einen rituellen Trauerraum. Wir kamen zusammen und sangen, weinten und erzählten einander Geschichten über unsere Verbindung mit dem Verstorbenen. Langsam begann ich, das Geschehene in mir zuzulassen, zu erkunden und zu begreifen.
Gerade frage ich mich, ob dieses Gruppen-Nervensystem – das sich in Plenen, Foren und intensiven gemeinsamen Räumen immer wieder neu aus uns Einzelnen herausbildet – vielleicht der eigentliche Kern von Gemeinschaft ist? Ein Freund hat diese Räume kürzlich als „unsere Kathedrale“ bezeichnet.
Für mich zeigt sich darin: Das menschliche Nervensystem ist nicht für Isolation gedacht, sondern für Ko-Regulation im sozialen Feld! *
Diese Erfahrungen lassen mich nicht mehr los und in mir ist der Wunsch entstanden, ein Seminar zu entwickeln. Ich spüre, wie mich die Geschwindigkeit des Wandels in der Welt immer wieder überfordert und wie ich vor meinem Weltschmerz zurückweiche. Immer wieder fällt es mir schwer, den Abdruck der Welt in mir wirklich zuzulassen – ich schütze mich.
Gleichzeitig weiß ich, dass mich dieser Schutz etwas kostet: einen Teil meiner Lebendigkeit und Handlungsfähigkeit. Der Weltschmerz, vor dem ich mich zurückziehe, ist die Kehrseite meiner Liebe zur Welt. Vivienne Dittmar nennt dies das „Paradox des Herzens“.
Ein Herz, das bricht und aus eigener Kraft heilt, reift.
Ich glaube, dass dieser Prozess für viele von uns allein schwer zu gehen ist. Deshalb habe ich Susanne, ebenfalls Mitglied meiner Gemeinschaft und erfahrene Prozessbegleiterin, um Unterstützung gebeten. Gemeinsam möchten wir einen sicheren Raum schaffen, in dem Gleichgesinnte – getragen von der Kraft der Gemeinschaft – sich diesem Prozess gemeinsam hingeben und ihn durchschreiten.
Wenn dich das anspricht und du dem nicht länger ausweichen möchtest, bist du herzlich eingeladen zur
Lebenswerkstatt „Mensch sein im 21. Jahrhundert – Orientierung und Halt im Wandel.
Infos dazu findest du unter diesem Link.
*Zur Vertiefung: Regulation ist das, was passiert, wenn wir nach Stress oder Überforderung wieder bei uns ankommen. Was ich als Gruppen-Nervensystem bezeichne, wird in der Forschung mit Ko-Regulation oder dem recht neuen Begriff der sozialen Allostase beschrieben – es geht darum, dass unser Nervensystem grundsätzlich darauf ausgelegt ist, Regulation gemeinsam mit anderen zu organisieren.
Markus Schulz-Weiling







