Wärmewende am Tempelhof

Wir ringen weiter. Kontrovers und verbunden.

Dieses Thema beschäftigt uns ja nun schon einige Jahre – immer wieder berichten wir davon. Unsere Energiegruppe hatte das Thema Solarthermie plus Wasserspeicherbecken in einem jahrelangen Entwicklungsprozess auf der sachlichen Ebene bestmöglich untersucht, aufbereitet und uns mit laienverständlichen Informationen versorgt. Bei der Solarthermie wird Wasser in Kollektoren durch Sonnenwärme erhitzt und dieses heiße Wasser in einem gut isolierten Speicherbecken gesammelt. Im Winter steht die Wärme dann zum Heizen zur Verfügung.
Nun sind wir an einem weichenstellenden Punkt angelangt – hopp oder topp, Solarthermie? Tun müssen wir auf jeden Fall etwas – unsere Holzpelletöfen sind an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Und wir verbrauchen an sehr kalten Tagen auch noch Öl.

Just an dem Wochenende im April, als Tausende von Menschen bundesweit für die Energiewende in unserem Land auf der Straße waren, saßen wir, ca. 50 Tempelhöfer, zwei Tage zusammen, um herauszufinden, wie es mit unserer Wärmeversorgung weiter gehen soll. Den „Holzweg“ weiter ausbauen oder zweigleisig fahren und einen Großteil der Energie von der Sonne beziehen? Das ist unsere Entscheidungsherausforderung.
„Allein, dass wir zusammensitzen und um diese Fragen ringen können“, sagte jemand in unserer Runde, „ist ein Privileg.“ Ja, wir spüren die soziale Kraft unserer Gemeinschaft.

Es ist kein kleines Ding, das uns bewegt. Solarthermie mit einem großen Wasserspeicher bedeutet einen tiefen Eingriff in die Erde, in unser Dorfbild, eine riesige Baustelle mit allen Belastungen. Zudem gibt es zwar realisierte Referenzprojekte, vor allem in Dänemark, aber von einer in Serie bewährten Technologie kann noch nicht gesprochen werden. Können wir als kleine Gemeinschaft hier ins Risiko gehen?

Die Finanzen

Viele Vorbehalte gegen die Solarthermie haben mit den Finanzen zu tun. Das Projekt kostet zwischen 3,1 und 3,9 Millionen €, 40% davon werden vom Staat gefördert. Viele von uns haben recht bescheidene Einkünfte und in ihrem Leben kaum mit größeren Summen hantiert. Ich persönlich habe noch nie einen Bankkredit aufgenommen. Schulden zu haben, ist für mich ein bedrückendes Gefühl, ich will nicht des Geldes wegen arbeiten müssen. Drei, vier Millionen – wie soll das gehen?

Uns wurde an diesem Wochenende vom Moderationsteam auf sehr anschauliche Weise vermittelt, wieviel Geld wir als Gemeinschaft seit unseren Anfängen schon in unser Areal investiert haben. Pro 100 000 € wurde eine Orange in die Mitte gelegt. Am Ende lag da ein großer orangener Berg –mehr als 10 Millionen. Etwas mehr als die Hälfte bankenfinanziert. Bei mir – und mir scheint, es ging anderen auch so – entstand ein Gefühl von „Boah! Das haben wir bisher hinbekommen? Und ich finanziere das mit! Und habe keinen Stress damit.“ Ich fühlte mich seltsamerweise mit einem Mal sehr potent.
Wir haben aber auch seit 2010 schon über 1 Million für Brennstoffe ausgegeben. Unsere Energiegruppe hatte verschiedene Prognosen errechnet, wie sich unsere Kosten weiterentwickeln würden, wenn wir den „Holzweg“ oder den „Sonnenweg“ wählen – immer mit der Unsicherheit der Energie- und Finanzmärkte behaftet.

Sozialthermie

Alles, was uns zu diesem Thema bewegt, konnte in dieser Intensivzeit gesprochen werden. Und wurde gehört. Allein das Gefühl, gehört zu werden, entspannt und öffnet das eigene Zuhören und ermöglicht ein Miteinander, wo vorher ein Gegeneinander war.

Ein Freudscher Versprecher brachte auf den Punkt, was wir hier tun: „Sozialthermie“. Das Ringen um eine von Allen getragene Lösung für eine Sache dieser Größenordnung bringt uns uns selber und einander näher. Wir können uns in dieser dringlichen Angelegenheit keine Ausweichmanöver, Vermeidungsstrategien oder Machtgerangel leisten, reiben uns in einen immer wahrhaftigeren Austausch hinein. Es braucht Selbstehrlichkeit, den Mut, auszusprechen, was die eigene momentane Wahrheit ist, ehrlichen Respekt gegenüber den anderen Wahrnehmungen und Sichtweisen, im besten Fall sogar Neugier auf die mir fremden Perspektiven und deren Wertschätzung. Ein Anzapfen aller Informations- und Erkenntnisquellen – von Statistiken, Förderprogrammen, Finanzmarktentwicklungen bis zur Intelligenz des Körpers und des Herzens, ein Lauschen auf Mutter Erde und in das Nichtwissen hinein. Das ist es, was uns dieses große Vorhaben abverlangt und wo wir immer mehr hineinwachsen.

Da standen wir zu Beginn dieses ganzen Prozesses nicht. Wir blicken durchaus zurück auf Phasen missglückender Kommunikation und leidvoll ausgetragener Kontroversen. Dennoch sind die Kontrahenten miteinander im Gespräch geblieben. Wir verfügen als große Gemeinschaft über ein Potential an diplomatischen Einbindungskräften, sind über die Jahre als Gruppe sozialprozessgeübt geworden und haben das große Glück, einige sehr gute ModeratorInnen unter uns zu haben.
Und jetzt, so scheint es, arbeiten wir an unserem Gesellen-, wenn nicht gar Meisterstück in Sachen Miteinander.

Wo stehen wir jetzt?

Mittels Felderkundung (gerade erst im Workshop gelernt, den Eva Stützel aus Sieben Linden mit uns gemacht hatte) und Aufstellungen wurde an dem Wochenende Schritt für Schritt transparent, wo die Gemeinschaft heute steht. Solarthermie, hopp oder topp?

Es zeigte sich, dass über die Jahre viel Zustimmung zu dem Projekt gewachsen ist und die meisten die nach wie vor vorhandenen Probleme für lösbar halten. Nahezu niemand hatte ein Ja ohne Bedenken, aber auch niemand ein kategorisches unauflösliches Nein. Es war genug Bereitschaft und Zuversicht im Raum spürbar, um zu sagen: Wir gehen den Weg weiter. Immer aber mit der Option, dass es einen Punkt geben könnte, an dem wir doch einen Schlussstrich ziehen.

Was sich in der Intensivzeit als nächster Schritt angebahnt hat und von einer kleinen Gruppe aus „Ja“- und „NochNein“ – VertreterInnen gemeinsam ausgearbeitet wurde, hatte das Dorfplenum an diesem Sonntag positiv entschieden.

Wieder ein Stück geschafft. Es scheint, als zeige sich bei diesem Projekt der Weg im Gehen, immer auf Sicht. Immer als ganze Gemeinschaft hinspürend, was JETZT stimmig ist. Die Intelligenz von Bauch, Herz und Kopf integrierend und auch der Erde, dem Platz lauschend. Das braucht Zeit, Geduld und zuversichtliche Gelassenheit.
Wie wir zu der finalen Entscheidung kommen, ist genauso Teil des Großen Wandels wie das Ergebnis der Entscheidung.

MaLu Stiefel

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  • Tempelhof News Sommer 2026

    Im Newsletter im Sommer 2026 zeigen wir, wie wir Frieden, Wandel und Miteinander leben – von der Schule über die Dorfentwicklung bis zur Wärmewende.

  • Klassik am Tempelhof

    19. Juni, 20 Uhr in der KulturKapelle am Tempelhof.

    Das Kolmar-Quartett spielt Werke von Fanny Hensel und Bela Bartok.
    Es wird eine Einführung zu den Werken geben.
    Eintrit frei, um Spenden wird gebeten.

  • Start Helferwochen

    Wir laden herzlich dazu ein, durch einen zeitweisen Aufenthalt als helfender Gast am Tempelhof unser Gemeinschaftsleben zu erfahren!

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