15 Jahre Tempelhof – Teil 2

Zukunftsmut in Umbruchzeiten – Festvortrag von Wolfgang Sechser

Liebe Anwesende, liebe Wegbegleiter, liebe Menschen aus der Region und aus unserer Gemeinschaft,
wenn ich zurückgehe in die Jahre 2009 und 2010, dann fällt mir auf: Wir waren damals schon einmal in einer Zeit, die sich ähnlich angefühlt hat wie heute. Finanzkrise, Fukushima, Atomausstieg – und eine Stimmung von Verunsicherung, Angst und einer gewissen Schwere. Viel Rückzug ins Private, viel Kritik, aber wenig Aufbruch. Und gleichzeitig saßen wir damals zusammen – unsere Anfangsgruppe. Ganz normale Menschen. Arbeiter, Angestellte, Künstler, Selbstständige, Unternehmer. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft.

Und wenn ich heute zurückblicke, dann ist für mich die entscheidende Frage: Warum sind wir damals losgegangen? Warum haben wir nicht einfach nur kritisiert – so wie viele andere auch?
Ich glaube, es war eine Ahnung. Eine leise, aber klare Ahnung, dass vieles von dem, worauf wir uns verlassen haben, nicht mehr trägt. Und dass wir uns das Handeln wieder zurückholen müssen. Dass wir selbst anfangen müssen, Zukunft zu gestalten.

Dafür braucht es Mut.
Kein heroischer Mut. Sondern ein ganz einfacher, bürgerlicher Mut. Der Mut, an Zukunft zu glauben. Und der Mut, in einer Krise nicht nur Bedrohung zu sehen, sondern Bewegung. Und vielleicht auch der Mut zu sagen: Wir machen etwas. Nicht nur für uns. Sondern auch für die, die nach uns kommen.

Wir haben damals angefangen mit einer ziemlich einfachen Idee: Dorf kaufen. Ein bisschen wie Pioniere – nur hier im Hohenloher Land. Und wir haben ziemlich schnell gemerkt: Ein Ort allein schafft noch keine Gemeinschaft. Und gleichzeitig wurde uns sehr früh etwas deutlich: Ein Ort entsteht nicht für sich allein. Er entsteht immer in Beziehung. In Beziehung zur Region. In Beziehung zur Gemeinde. In Beziehung zu den Menschen, die schon da sind. Und hier hatten wir großes Glück – und dafür bin ich bis heute dankbar. Dass mit Robert Fischer ein Bürgermeister da war, der uns offen empfangen hat. Dass die Gemeinde uns nicht als Fremdkörper gesehen hat, sondern als Möglichkeit. Dass wir willkommen waren. Denn genau dort entscheidet sich, ob etwas wachsen kann. Nicht hinter Mauern. Nicht als abgeschlossene Insel. Sondern im Hin und Her. Im gegenseitigen Wahrnehmen. Im langsamen Entstehen von Vertrauen.

Und ich glaube, genau dadurch konnte sich auch etwas drehen: Dass aus einer Abzugs-Gemeinde Schritt für Schritt wieder eine Zuzugs-Gemeinde geworden ist. Und dass wir auf diese Weise auch etwas zurückgeben konnten.

Heimat entsteht nicht dadurch, dass man irgendwo hinzieht.
Heimat entsteht durch Beziehung. Durch das, was man miteinander erlebt. Durch das, was man miteinander aushält. Und durch das, was man gemeinsam trägt. Und damit bin ich bei dem, was sich für mich wie ein roter Faden durch alles zieht, was wir hier aufgebaut haben – und was auch heute noch gilt: Alles ist Beziehung. Beziehung zu mir selbst. Beziehung zu anderen. Beziehung zur Welt.

Und wir mussten lernen: Ideen allein tragen nicht. Konzepte tragen nicht. Was trägt, ist die Qualität von Begegnung. Ob wir einander wirklich sehen. Ob wir uns zeigen. Ob wir es aushalten, verschieden zu sein – und trotzdem in Verbindung zu bleiben.

Gerade in einer Zeit wie heute, in der wir wieder Worte hören, von denen ich gehofft hatte, sie nicht mehr hören zu müssen. Worte wie „Kriegstüchtigkeit“. Und ich will das ganz klar sagen: Diese neue Kriegstüchtigkeit wird keinen Frieden schaffen. Frieden entsteht nicht durch Aufrüstung. Frieden entsteht durch Begegnung. Durch Beziehung. Durch die Fähigkeit, auch dort in Kontakt zu bleiben, wo es schwierig wird.

Das klingt vielleicht einfach. Aber es ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die wir haben. Und gleichzeitig ist genau daraus hier etwas gewachsen. Aus dieser Haltung. Aus diesem Ringen. Aus diesem immer wieder neu in Beziehung gehen.

Ein Ort, an dem Wirtschaft entstanden ist. Landwirtschaft. Schule. Seminarbetrieb. Gemeinschaft. Nicht perfekt. Aber lebendig. Ein Ort, der zeigt: Menschen können unterschiedlich sein – und trotzdem miteinander leben.

Etwas Persönliches zum Schluss

Ich habe viele Jahre sehr viel gegeben. Sehr viel aufgebaut. Und das hat auch seinen Preis gehabt – vor allem gesundheitlich. Ich musste mich zurückziehen. Ich musste loslassen. Und heute erlebe ich etwas, das ich früher so nicht kannte: Ich werde getragen. Ich erlebe einen Ort, an dem man sich streiten kann – und trotzdem verbunden bleibt. Einen Ort, an dem Menschen das Herz am rechten Fleck haben. Einen Ort, an dem Beziehung trägt. Und vielleicht ist das am Ende das, worauf es wirklich ankommt: Alles ist Beziehung.

Ich wünsche uns allen den Mut, genau darauf zu vertrauen. Und unsere Zukunft aus dieser Haltung heraus gemeinsam zu gestalten.

Gemeinsam.

Danke.

Aktuelles

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    Im Newsletter im Sommer 2026 zeigen wir, wie wir Frieden, Wandel und Miteinander leben – von der Schule über die Dorfentwicklung bis zur Wärmewende.

  • Klassik am Tempelhof

    19. Juni, 20 Uhr in der KulturKapelle am Tempelhof.

    Das Kolmar-Quartett spielt Werke von Fanny Hensel und Bela Bartok.
    Es wird eine Einführung zu den Werken geben.
    Eintrit frei, um Spenden wird gebeten.

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