In unserer Winter-Intensivzeit fiel in einem Redebeitrag der Ausdruck „analoges Menschsein“.
Es ging dabei um unser Zusammenleben am Tempelhof, wo persönliche Begegnung immer wieder eine zentrale Rolle spielt. Dieses Wort hat mich berührt und an etwas erinnert, das mir kürzlich in einem Podcast begegnet ist, und zwar zum Thema Sucht.
Sucht galt lange Zeit als ein Phänomen, das allein durch die bloße Verfügbarkeit und Möglichkeit zur Einnahme süchtig machender Substanzen entsteht. Diese Sicht basierte im Wesentlichen auf Versuchen an isoliert in Käfigen gehaltenen Ratten, denen man zwei verschiedene Trinkquellen anbot: Reines Wasser – und Wasser, das mit Drogen versetzt war. Die Ratten tranken fast ausschließlich das mit Drogen versetzte Wasser und wurden davon stark abhängig bzw. starben sogar an Überdosierung.
Der Kanadier Bruce K. Alexander stellte einige Jahre später diese Sicht radikal in Frage. Er bot in weiteren Versuchsreihen seinen Ratten ebenfalls die zwei oben genannten Trinkmöglichkeiten an, veränderte jedoch das Setting radikal: Statt beengt und isoliert, lebten seine Ratten in Gruppen in geräumigen und gut mit Spielzeug ausgestatteten Käfigen, sogenannten „Rat Parks“. Und siehe da – das Drogen-Wasser wurde von den Ratten weitgehend verschmäht!
Wäre dies das Ende der Geschichte, so hätten wir nun ein wahres Friede-Freude-Gemeinschafts-Happy End! Soziale Bindung bewahrt vor Sucht – juhu!

Leider ist die Lage etwas komplexer: So eindrucksvoll Alexanders Forschungsergebnisse zunächst auch waren, sie ließen sich kaum replizieren und die Datenlage dazu gilt als sehr dünn. Ganz zu schweigen vom Problem der Übertragbarkeit seiner Ergebnisse auf den Menschen.
Nichtsdestotrotz haben seine und andere, spätere Forschungsreihen wichtige Mosaiksteine zu unserem Verständnis von Sucht und ihren Ursachen beigetragen. Sucht wird deshalb heute als komplexes Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und Umweltfaktoren verstanden und moderne Therapieansätze arbeiten entsprechend multifaktoriell.
Warum ist Gemeinschaft also (vielleicht) die bessere “Droge“?
Das Leben in Gemeinschaft bietet (bei aller Anstrengung, die auch immer wieder dazu gehört), die Möglichkeit, zu vielfältigsten direkten sozialen Kontakten, wie sie heutzutage für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich sind. Diese reichen von der Möglichkeit, gemeinsam zu essen, über das gemeinschaftliche Arbeiten, bis hin zu Plenen und eben Intensivzeiten. So entstehen immer wieder tiefe Begegnungsräume, in denen wir einander authentisch und analog erleben können. Hinzu kommen die vielen Begegnungen im dörflichen Alltag, gemeinsame Aktivitäten und die gegenseitige Unterstützung und Hilfsbereitschaft im Kleinen wie im Großen. Das alles schafft Nähe und Verbundenheit und ein Gefühl des Eingebettet-Seins in ein größeres Gefäß.
Entsprechend könnte man Gemeinschaft vielleicht als eine Art „Rat Park“ für Menschen, sozusagen einen „Human Park“, betrachten. Der uns (gerade in Zeiten voller Versuchungen und Süchte) dabei unterstützt, das Leben durch reale Begegnung gesünder und freudvoller zu gestalten.
Und der uns immer wieder einlädt, beherzt einzutauchen ins analoge Menschsein.
Karin Huber






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