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Bernd Pulling, der Architekt, beim Planen mit Kindern der Primaria

Bernd Pulling, der Architekt, beim Planen mit Kindern der Primaria

„Wir sind froh, dass es endlich los geht“, so eröffnete Michael Selig, Geschäftsführer der Schule, an diesem wunderbaren Frühlingsmorgen des 19. April seine Rede beim Spatenstich für den Schulneubau. Nach 3 Jahren Planungszeit geht es jetzt an die Umsetzung. Es werden Räume entstehen für etwa 80 SchülerInnen. Die Turnhalle wird umgebaut und ergänzt durch einen Neubau, der sich zum Seminarhaus erstreckt. Das Raumangebot wird vielfältiger: Räume für Naturwissenschaften, verschiedene Handwerke, Kunst und Musik, für darstellendes Spiel, vielfältig nutzbare Nischen und Ecken, wo Lernen auf unterschiedlichste Art geschehen kann, tastend, erforschend, lesend, spielend, hörend, erfahrend. Und alles natürlich barrierefrei, denn schon jetzt gibt es einige SchülerInnen, die darauf angewiesen sind, dass auch für ihre Besonderheiten die Umgebung entsprechend vorbereitet ist. Spätestens Ende des Jahres soll die Schule fertig sein.

Rund 3 Mio Euro kostet das Projekt. Damit setzt die Gemeinschaft ein Zeichen: Dies ist nach dem Kauf des Tempelhofes vor gut 7 Jahren die größte Investition – und eine weit in die Zukunft reichende Verbindlichkeit, auf die wir uns alle miteinander eingelassen haben. Nicht nur das, wir überlassen den Kindern auch unsere Turnhalle und bisherige Cantina, mit dem wunderschönen Platz an der Wiese zum Wald.

Die Schule in der Region

Vor sieben Jahren, als die Gemeinschaft hauptsächlich von Münchner Singles als Zukunftswerkstatt Tempelhof gegründet wurde, war noch nicht absehbar, dass sich eine freie, aktive Schule vor Ort in so kurzer Zeit zum Hauptmagneten entwickeln würde.
Mit 24 Tempelhofer Kindern im Alter von 5 bis 18 Jahren begonnen, nahm die Schule schon im zweiten Jahr Schüler aus dem Umland auf. Jetzt, nach gut vier Jahren, ist sie auf 63 Schüler angewachsen. Noch überwiegt die Anzahl der Kinder aus der Gemeinschaft, aber schon im nächsten Schuljahr kann sich das Verhältnis umdrehen, denn das Interesse an der Schule hat längst die Gemeindegrenzen überschritten. Einige interessierte Familien verlegten extra ihren Wohnort in die Nähe des Tempelhofes, damit ihre Kinder in den Genuss dieser zukunftstauglichen und recht radikal freien Schulform kommen. Die Schulfremdenprüfungen für Hauptschul- und Realschulabschluss der SchülerInnen, die es in den zwei vergangenen Jahren wagten, überzeugen auch Skeptiker: Alle schlossen  mit “gut” oder “sehr gut”  ab.

Spatenstich am 19.4.2018, von links: Frau Macho (Gemeine), Frau Amelung (GLS-Bank), Herr Hesse (Generalunternehmer), Fabia Selig (Schülerin), Agnes Schuster (Gründungsmitglied Tempelhof), Angelika Schießer (Pädagogische Schulleitung), Michael Selig (Geschäftsführung Schule)

Spatenstich am 19.4.2018, von links: Frau Macho (Gemeinde), Frau Amelung (GLS-Bank), Herr Hesse (Generalunternehmer), Fabia Selig (Schülerin), Agnes Schuster (Gründungsmitglied Tempelhof), Angelika Schießer (Pädagogische Schulleitung), Michael Selig (Geschäftsführung Schule)

Wie wohlwollend unsere Schule mittlerweile in der Region wahrgenommen wird, zeigten die Grußworte beim Spatenstich. Neben Frau Amelung von der GLS-Bank und Herrn Hesse, der mit seiner Firma Naturholzhaus den Neubau als Generalunternehmer erstellt, haben Frau Macho, Hauptamtsleiterin der Gemeinde Kreßberg in Vertretung des verhinderten Bürgermeisters, Frau Klingler, Schulleiterin der örtlichen Schule am Kreßberg und Markus Stettner-Ruff, Schulleiter der Crailsheimer Waldorfschule aus ihrer Sicht unsere Vorhaben gewürdigt. Spannend war, von Frau Macho einmal die Außenwahrnehmung des Tempelhofes und die Einbettung unserer 8jährigen Geschichte in die 175jährige Historie des Platzes zu hören. Wen es interessiert – hier kann ihr Grußwort gelesen werden.

Schule und Gemeinschaft

An unserer Schule ist alles Gemeinschaftswerk, von Anfang an -wie bei allen unseren gelingenden Projekten. Ja, am Anfang stehen Visions- und Initiativkraft Einzelner oder ein persönlicher innerer Ruf. Aber dann kommen Vertrauen, Wohlwollen, Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Zeit und finanzielle Ressourcen von vielen anderen dazu. Wie bei so vielen Projekten am Tempelhof ging die Initiative zur Schulgründung von einigen Bewohnern aus, in diesem Falle von Eltern und einer Grundschullehrerin aus der Gründergruppe. Ein Projektteam aus 4 TempelhoferInnen mit einem passenden Mix aus Fähigkeiten arbeitete in einem zweijährigen Prozess daran, den Traum einer freien Schule in die Realität um zu setzen, mit Unterstützung von Schuleltern, anderen TempelhoferInnen, Freunden des Tempelhofes sowie – institutionell – von der Stiftung Schloss Tempelhof und der Software AG-Stiftung.

2013 – Die Schule ist startklar, zwei Tage vor Schuljahrsbeginn kommt die Genehmigung

2013 – Die Schule ist startklar, zwei Tage vor Schuljahrsbeginn kommt die Genehmigung

 

Auszug aus einem Interview von Markus Stettner-Ruff, Waldorfschule Crailsheim, mit Emma Borheck.
„Welche Bedeutung spielt die Tempelhofschule zur Freien Entfaltung, die du besuchst, in Deinem Leben in der Gemeinschaft?“
„Ich würde sagen eine ziemlich große. Und für mich gehört diese Schule ins Dorf, wie alles andere auch. Ich sehe da gar keine klare Trennung. Das heißt, wenn jemand fragt, wie es mir im Dorf gerade geht, ist da die Frage nach Schule für mich schon inbegriffen.“
Aus: Quarz 40, Zeitschrift des Netzwerk Waldorfpädagogik in Hohenlohe und Mittelfranken, Winter 2017.

Nach 5 Jahren sind Gemeinschaft und Schule fest verwoben. Wie Emma, jetzt 16 Jahre alt, es in einem Interview ausdrückt (s. nebenstehender Kasten) und wie sich daran zeigt, dass die Gemeinschaft der Schule ihre Turnhalle und Cantina überlassen hat.  Dies war kein rein formaler Vorgang. In der Anfangszeit war dieses Gebäude das Herzstück der Gemeinschaft gewesen, Wohnküche und Marktplatz in einem. Hier wurde gekocht, gegessen, WIR-prozessiert, getanzt, gefeiert, Dorfplenen bis spät in die Nacht durchgehalten. Viele Erinnerungen aus der Pionierzeit sind mit diesen Wänden verbunden: Die ersten Wochenenden für Interessenten mit über 200 Leuten, die Schlüsselübergabe des Tempelhofvorbesitzers an uns, Ramonas Disco, der erste Wohnraumverteilungsprozess, die Morgenkreise der ersten Jahre, Auftritte des Minutentheaters, erste große, mit Hilfe externer Begleiter bewältigte Konflikte, legendäre Silvesterfeten.

Das Dorfplenum am 11. Februar hatten wir aus nostalgischen Gründen in unsere Cantina gelegt. Hier wurde in einem Ritual der Schlüssel an den Verein Schloss Tempelhof als Träger der Schule weitergegeben. Nach einer letzten Abschiedsparty am 8. April räumte die Gemeinschaft die Turnhalle endgültig.

Angelika Grün übergibt für die Genossenschaft den Schlüssel an Eika Bindgen vom Verein

Angelika Grün übergibt für die Genossenschaft den Schlüssel an Eika Bindgen vom Verein

Lernort Tempelhof

Sind wir, ohne dies formal beschlossen zu haben, auf dem Weg zum Schuldorf? Mehr als 25 Menschen, zumeist am Tempelhof lebend, begleiten während einer Woche zwischen einer und dreißig Stunden die Kinder bei ihren Lebens- und Lernprozessen. Über 30 TempelhoferInnen sind bisher schon in irgendeiner Form mit dem Neubau befasst – vom konkreten Handanlegen bis zur Unterstützung bei den Verhandlungen mit der Bank.

Eins ist klar: Wir sind auf jeden Fall eine Gemeinschaft von lernenden Menschen, egal wie alt ein jeder/eine jede ist. Ohne im Herzen neugierige, lernende Wesen zu sein, wären wir vermutlich nicht Teil der Zukunftswerkstatt Tempelhof.

Diese Entwicklungen werden wir feiern. Mit einer großen Veranstaltung vom 1.-4. November möchten wir den Tempelhof als den lebendigen Bildungs-und Entfaltungsort vorstellen, zu dem er in 8 Jahren gereift ist. Prof. Gerald Hüther hat für den Festvortrag zugesagt, André Stern wird ebenfalls dabei sein. Näheres ab Juli auf in unseren Veranstaltungen.

Eika Bindgen, MarieLuise Stiefel